Durch ein riesiges Schilffeld entlang der regulierten Donau-Altarme schlängelt sich ein dünner Trampelpfad. Filigrane Stängel wachsen dicht aneinander empor. Im Winter sterben die dünnen Pflanzen zur Gänze. Vertrocknen, Verrotten und machen Platz für ihre Nachkömmlinge. Jahr für Jahr.
Die ehemals weichen und gatschigen Trampelpfade
werden zunehmend trittfester. Ein weitläufiges
Sumpfgebiet scheint bald zu vertrocknen.
Landschaften wie diese verändern sich durchwegs subtil, jedoch spürbar. Wiederkehrende Prozesse, die einst
verlässlich waren, werden derzeit unberechenbar
– oder bleiben gänzlich aus.
Landschaft selbst lässt sich wie ein Archiv lesen. Eine Ansammlung menschlicher Handlungen. Sie ist kein passiver Hintergrund. Ihre unterschiedlichen Ebenen sagen viel über unsere Zeit aus – und darüber, wie wir uns gegenüber Vergangenheit und Zukunft verhalten. Über lange Zeiträume verdichten und überlagern sich historische Eingriffe, politische Entscheidungen, wirtschaftliche Interessen und kulturelle Vorstellungen. In Formen von Flussläufen, Schneisen, Wegen, (Bau-)Feldern und Brachen. Schicht für Schicht zeichnen sie sich ab und hinterlassen Spuren von Gesellschaft und vergangen Zeiten. Neue Ebenen legen sich über alte. Verweisen auf einst dagewesenes. Landschaft ist jedoch nicht nur ein Ort. Viel eher gleicht es einem Dokument. Ähnlich wie ein Text, bestehend aus etlichen zusammenhängenden Fragmenten unterschiedlicher Zeit- und Zwischenräume. Hierbei spiegeln sich auch Machtverhältnisse, sowie Vorstellungen von Fortschritt und Innovation wider. Ein nicht abgeschlossenes Archiv, welches ständig überschrieben, ergänzt und umgedeutet wird. Landschaft zeigt, was als wertvoll gesehen und was als nutzlos erachtet wird.
Die hier gezeigten Zeichnungen verweisen auf einen Ort. Sie transportieren das irrationale Gefühl der Orientierungslosigkeit. Wie ein Seismograph gebe ich sensorische Erlebnisse durch das Zeichnen direkt wieder – in Form eines Tuns, eines performativen Akts, durch den Einsatz des ganzen Körpers und der Bewegung. Diese Papierbahnen sind Relikte dieses Akts, dieses Rhythmus, dieses Prozesses und funktionieren wie ein Echo. Sie verweisen auf Zeitlichkeiten und Orte, die außerhalb des Ausstellungsraums liegen.
Leinwände, auf denen einzelne Schilfblätter direkt aufcollagiert wurden, suchen nach dem Rhythmus im Chaos – eine Ordnung in der Unordnung. Ein genaues Beobachten.
An den östlichen Außengrenzen der Stadt Wien liegt ein 2.300 Hektar großes Naturschutzgebiet. Der Nationalpark Donau-Auen befindet sich zwischen Millionenstadt und Ländlichem Raum. Dieser bietet ein Reservoir an (uralten und heutzutage besonders seltenen) Lebensgrundlagen diverser Arten. Zusätzlich wird aus diesem Gebiet ein bedeutender Anteil des Lokalen Trinkwassers entnommen.
Ein großer Abschnitt dieses Gebiets trocknet zunehmend aus. Er befindet sich in einem Zwischenzustand. Mitten im Wandel. Naheliegend wäre es, erneut Wasser über die ehemals regulierten Donau-Altarme einzuleiten, um den Naturschutzanforderungen der EU-Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie gerecht zu werden. Die Stadt Wien lehnt diese Maßnahme ab, da sie eine Gefahr für die Trinkwasserqualität im Wasserwerk Lobau sieht. Ohne eine entsprechende Aufbereitungsanlage könnte die Wasserversorgung gefährdet werden. Die Entscheidung steht im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Wasserschutz. Sollte keine Lösung gefunden werden, droht eine EU-Klage wegen Nichteinhaltung der FFH-Richtlinie, während ein Eingreifen ohne ausreichende Sicherheitsmaßnahmen das Trinkwasser gefährden könnte. Die Verantwortung liegt letzten Endes bei der Stadtregierung.
Bereits seit den 1970er Jahren mobilisierte sich die Zivilbevölkerung zu Protesten des Erhalts dieser Naturräume und zur Verhinderung riesiger Bauvorhaben. Konträre und widersprüchliche Politische Interessensgruppen kämpften einst um Ähnliche Themen im Zusammenhang mit der Erhaltung lokaler Landschaften. 1984 protestierten etliche Gruppierungen gegen ein geplantes Wasserkraftwerk in der Heinburger-Au und legten dadurch auch die Grundsteine einer damals neuen politischen Bewegung. Jahrzehnte später werden an ähnlichen Orten ähnlich große künftige Baustellen wirtschaftlich motivierter Großprojekte besetzt und versucht zu verhindern.
Auch der aktuelle Bauplan des Lobautunnels ist höchst umstritten. Entscheidungen zur Umsetzung oder Verhinderung bleiben unklar. Das rund 8,2 Kilometer lange Tunnelprojekt soll laut älteren Prognosen bis zu 77.000 Fahrzeuge täglich durchschleusen. Fachliche ExpertInnen erwarten jedoch kaum eine tatsächliche Mobilitäts-Entlastung. Vielmehr könnte sich der Verkehr verlagern oder sogar zunehmen. Die Frage stellt sich, ob bereits vorhandene Straßen schon zur Gänze ausgelastet sind und ob ein Neubau tatsächlich notwendig ist.
Debatten über den Umgang dieser Zwischenräume begleiten uns nicht erst seit den letzten Jahren und beschränken sich lange nicht mehr ausschließlich auf ökologische Ebenen. Zusammenhänge und Verhältnisse sozialer und elementarer Grundlagen haben sich radikal verschoben.
Zwischen Peripherie und Großstadt befindet sich ein ausgelagerter Sumpf. Schilffelder erstrecken sich über großzügige Lichtungen des weitläufigen Birkenwalds. Die dünnen Halme der Schilfpflanzen wachsen dicht aneinander empor. Flimmernde Muster, der sich kreuzenden Pflanzen erschweren die Orientierung. Ich versuche mich innerhalb des Feldes zurechtzufinden. Aber es fällt mir nicht leicht. Die scharfen Blätter schneiden sich bei unachtsamer Bewegung in die Haut. Diese uralten und immersiv wachsenden Pflanzen transportieren jedoch auch eine gewisse Poesie.
Ein leichtes und organisches Material, aus welchem einst das erste Papier hergestellt wurde. Welches alte Häuser in Form von Reet-Dächern vor Regen schützte. Welches zahlreiche Lebewesen, Insekten und Organismen beherbergt. Eine Pflanze, die zwischen Siedlungen und Seen vor sich dahin wächst. Im Schatten der Städte.
Der Sumpf ist weder Land noch Wasser, noch feste Erde. Diese Landschaften befinden sich im Übergangszustand. Im Unbestimmten. In „Swamp“(1971), einem experimentellen Kurzfilm läuft Nancy Holt mit einer Kamera durch das Reet. Die dicht aneinander wachsenden Stängel erschweren und verhindern ihr die Sicht. Robert Smithson stapft hinter ihr her und gibt klare Anweisungen, wie sie sich zu bewegen hat. Die Orientierungslosigkeit inmitten des Feldes wirft existenzielle Fragen auf. Plötzlich wird genauer hingeschaut. Die Zwischenräume ermöglichen eine schwammige Durchsicht und eröffnen neue Wege. Ein gewisser Rhythmus wird wahrgenommen und weiterverfolgt. Hier wird versucht Ordnung in einem Chaos zu schaffen. Sich zu orientieren, um weiterhin in dieser Umgebung und der Zeit bestehen zu können.
Die hier gezeigten Arbeiten handeln von einem
Beobachten, ein Wahrnehmen unserer Umgebung,
ihrer natürlichen und irrationalen Prozesse.
Es geht um das Sammeln von Spuren und Fundstücken
– das Sortieren, das Ordnen und das Zusammensetzen.
Ein Rhythmus. Ein Abbilden des Irrationalen.
Ein Zusammenspiel aus Ordnung und Unordnung.
Die Zeichnung als Endprodukt eines Prozesses.
Einer Bewegung. Eines Gefühls. Wie ein Seismograph.
Das verarbeiten sensorischer Eindrücke.
Es geht um das Verweisen auf Vergangenes
und das Verbinden unterschiedlicher Zeiträume.
Das Echo eines Ortes und eines Gefühls.













